... des Familiennames Allenspach

Familiennamen im heutigen Sinn sind in unserer Gegend erst seit gut fünfhundert Jahren üblich. Unsere Vorfahren, die um die letzte Jahrtausendwende lebten, hatten normalerweise keinen Familiennamen, sondern nur einen Rufnamen und allenfalls einen Beinamen, der aber im allgemeinen nicht vererbt wurde.

Unter welchen Umständen und zu welcher Zeit sind unsere Familiennamen und speziell der Familienname Allenspach entstanden? Diese Fragen lassen sich nicht generell beantworten. Zunächst müssen die Begriffe Familienname (auch Nachname genannt) und Beiname auseinandergehalten werden. Beinamen sind entstanden, um Namensträger von gleichen Rufnamen auseinanderzuhalten. Diese Namen kommen schon in der Bibel vor: Jesus von Nazareth, Jakob der Ältere, ... . Auch in der Geschichte sind solche Namen nicht selten: Thales von Milet, Catho von Uttica, Plinius der Jüngere, Alexander der Grosse Die meisten Gestalten der alten Geschichte besitzen aber nur einen überlieferten Namen: David, Herodes, Sokrates, Aristoteles, ... . Gewöhnliche Leute dürften im allgemeinen keinen Beinamen besessen haben oder allenfalls einen Spitznamen, der aber wie alle Beinamen in der Regel nicht vererbt wurde. Mit der Vererbung würde ja gerade dem Sinn des Bei namens, der Unterscheidungsmöglichkeit, teilweise wieder entgegengewirkt.

Die Entstehung der Familiennamen hängt eng mit der Entwicklung der Städte und des Handels zusammen. In Norditalien, wo Bürgertum und Handel früher als nördlich der Alpen aufblühten, treten die ersten Familiennamen schon im 8. Jahrhundert n. Chr. auf. Nördlich der Alpen hingegen dauerte es etwa bis zum 12. Jahrhundert, bis die grössten Städte Einwohnerzahlen über 10.000 erreichten. Das ist denn auch die Zeit, da sich auch bei uns die Beinamen zu Familiennamen wandelten. Dass die "edlen Geschlechter", also die Adeligen, als erste einen Familiennamen führten, ist leicht erklärbar. Die Erblichkeit des Namens war ja verbunden mit der Erblichkeit von Rechten, Privilegien, Besitz und Herrschaft. Diese ersten adeligen Familiennamen sind fast ausnahmslos Herkunftszeichen: Rudolf von Habsburg, Berchtold von Zähringen, Friederich von Toggenburg, ... . Was für den Adel recht war, war für die gehobeneren Schichten der Stadtbürger billig; auch sie begannen einen Familiennamen zu führen, zum Teil sogar wie der Adel auch Wappen und Siegel. Natürlich entsprach das auch einer gewissen Notwendigkeit, denn mit dem Grösserwerden der Städte waren die kommunalen Verwaltungen darauf angewiesen, ihre Bürger, besonders die Wohlhabenden, die Steuerzahler, eindeutig zu erfassen. Die soziale Unterschicht, die Knechte und Mägde, die Bettler und Obdachlosen, konnten nicht mithalten; sie besassen weiterhin nur ihren Rufnamen. Auch auf dem Lande, wo die Bauern häufig nach ihrem Lehenshof benannt wurden, konnten die Familiennamen nur langsam Fuß fassen. Solche Beinamen wie Bühlhofbauer, Bühlhofer, Auhofer, usw. wurden ja nicht eigentlich vererbt. Wechselte der Lehensmann den Hof, so wechselte auch sein Beiname.

Das Führen von Familiennamen begann in unserem Sprachbereich im 12. Jahr hundert und breitete sich von den Rheinischen Städten nach Norden und nach Osten aus. Im 14. Jahrhundert war diese Entwicklung weitgehend abgeschlossen, nur auf dem Lande, in Randgebieten und in unteren sozialen Schichten, dauerte es noch einige Jahrhunderte länger. Im 17. und im 18. Jahrhundert wurden schliesslich die Leute durch behördliche Erlasse gezwungen, einen Familiennamen anzunehmen.

Wann kann nun von einem Familiennamen gesprochen werden, und wann muss er noch als Beinamen bezeichnet werden. Diese Frage ist im allgemeinen nicht genau beantwortbar, ausser man kennt die Geschichte des betreffenden Geschlechts. Üblicherweise ist das aber nur bei Adeligen der Fall. Nach (l.) sind es zwei Kriterien, die anzeigen, ob der Übergang zum Familiennamen erfolgt ist: Wird ein Beiname über mindestens 3 Generationen vererbt, so kann er als Familienname betrachtet werden. Das gilt natürlich vor allem dann, wenn die Bedeutung des Beinamens für den Träger nicht mehr zutrifft, z.B. wenn der Nachkomme immer noch Beck heisst, obwohl er diesen Beruf nicht ausübt. Wenn die Geschwister eines Namenträgers denselben Beinamen führen, kann dieser als Familienname bezeichnet werden. Nach diesen zwei Kriterien wird nun im folgenden entschieden werden müssen, wann der Familienname Allenspach zuerst aufgetreten ist.

Die erste Erwähnung eines Allenspachers stammt aus der Chronik des Klosters Petershausen. Es handelt sich um den Priester Witigo de Alospach, der langezeit Kaplan des Erzbischofs von Köln und Trier war. In einer Urkunde aus dem Jahr 1135 wird diesem ein Grundstück bei Frickingen zugeteilt. Witigo besitzt den Beinamen de Alospach, weil er aus Allensbach stammt. Er hätte diesen Namen als Geistlicher und Klosterinsasse auch kaum weiter vererben können. 

Fast ein Jahrhundert später, im Jahr 1215 wird Cunradus de Alospach, Bürger von Überlingen, erwähnt, gefolgt von Hainricus de Alospach (Urkunden von 1241, 1244, 1256), Jakob Alenspacher (1315) und Ulrich von Alaspach (1330), alle Bürger von Überlingen. Über verwandtschaftliche Beziehungen dieser "Namensvettern" geben uns leider keine Urkunden Auskunft, aber es ist doch anzunehmen, dass sie voneinander abstammen. Besonders aufschlussreich sind die Dokumente, den Hainricus aufführen. 1241 wird er bei einem Vergleich der Stadt Überlingen mit Abt Berthold von Salem als einer der consiliariis autem viuitatis, also als einer der 10 Räte der Stadt aufgeführt. 1244 amtet er als Zeuge bei einem weiteren Rechtshandel in Überlingen und 1256 in Meersburg, nun unter dem Namen de Alaspach. Da Hainricus Rat von Überlingen war, darf man wohl annehmen, dass er mindestens in zweiter Generation dort ansässig war und somit seinen Beinamen von seinem Vater übernommen hat. Ein klares Zeichen, dass der Übergang zum Familiennamen sich schon abzeichnete. Das Wörtchen "de" oder "von", das die Herkunft von Allensbach angibt und nicht etwa adelige Abstammung, wird den Namen Alospach noch einige Jahrhunderte lang begleiten. Aber schon in den Anfängen kommt, wie wir gesehen haben, die Schreibweise mit der Endsilbe "er" vor. Bei der Zeugenliste der erwähnten Dokumente fällt auf, dass praktisch alle Beinamen sich auf Ortsnamen beziehen, z. B. Burkardo de Oberridern, Ulrico de Bodem, Hilteboldo de Stekborun usw. Die Beamten werden durch ihre Funktion bezeichnet wie Cünrado notario oder magistro Bertholdo scolastico. Im Dokument von 1244 erscheint ein Zeuge namens Gottibrehto, der als einziger keinen Beinamen führt. Daraus kann geschlossen werden, dass die ersten Familiennamen im allgemeinen Herkunftsbezeichnungen waren. Dabei mag auch das Vorbild der Adeligen mitgewirkt haben.

Etwas später als in Überlingen, nämlich 1252, wird in Konstanz ein "de Alospach" erwähnt. Ein gewisser Hainrico de Alospaco kaufte in diesem Jahr ein Haus in Konstanz, und von da an und in den folgenden Jahrhunderten erscheint dieser Name immer wieder in Urkunden der Stadt Konstanz. Hainricus (erw. 1262, 1264 und 1265 als Zeuge) ist der einzige mit der Bezeichnung miles, d. h. Ritter.  Genauere Nachforschungen (Chronik) haben ergeben, dass Hainricus wahrscheinlich der einzige Adelige mit Namen Alospach war. Leider ist auch bei den Konstanzer Alospach des 13. Jahrhunderts nicht klar, in welcher verwandtschaftlichen Beziehung sie zueinander standen. Es ist also wohl möglich, dass der Name Alospach in Konstanz ein zweitesmal entstanden ist, oder aber, dass Hainrico, der Rat von Überlingen und Hainrico, der Hauskäufer von Konstanz ein und dieselbe Person sind.

In einer Urkunde von 1356 wird in einer Urkunde ein Hans von Alaspach, Rebbauer in Steckborn, erwähnt, der nicht Bürger von Konstanz war. Auch hier hätte der Name Alospach ein weiteres Mal entstehen können, aber es sind keine weiteren Alospach von Steckborn bekannt. Sicher ist, dass sich die Konstanzer Alospach im 14. Jahrhundert als Ausburger von Konstanz in den benachbarten Kanton Thurgau ausbreiteten, und sie sind es auch, die den heute lebenden Allenspach den Namen gegeben haben.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Familienname Allenspach im 13. Jahrhundert in Überlingen und Konstanz entstanden ist. Diese für einen nicht adeligen Namen frühe Entstehung erklärt sich aus der relativ hohen sozialen Stellung der ersten Namensträger, sozial Tiefstehende wären ja gar nicht erwähnt worden. Die Schreibweise des Namens hat sich im Laufe der Jahrhunderte oft geändert, es existierten auch gleichzeitig verschiedene Arten. Das etwas aristokratisch tönen de "von Alaspach" verschwindet am Anfang des 15. Jahrhunderts, und die heutige vereinheitlichte Schreibweise Allenspach/Alispach setzte sich im 19. Jahrhundert durch. Heute ist nur noch hie und da die "falsche" Schreibweise Allensbach anzutreffen, die aber von unserer Herkunft her doch wieder den Nagel auf den Kopf trifft.

- Winkel/Schweiz Dr. Werner Allenspach

Quellen:

  1. Agricola, Fleischer, Protze: Die Deutsche Sprache, zweiter Band, VEB 1970 Leipzig
  2. Adolf Bach: Deutsche Namenkunde I, Carl Winter Universitätsverlag Heidelberg 1978
  3. Theodor Allenspach: Chronik Sippe Allenspach (Alispach) 1971
  4. Kilian Weber: Beitrag zur Familienkunde aus Allensbacher Almanach 1958
  5. Auszug aus "Zeitschrift für Geschichte des Oberrheines", in verdankenswerter Weise zur Verfügung gestellt von Stefan Egenhofer